Geschlechtersensible Medizin: Eine Frage der Gerechtigkeit

Stellen Sie sich vor, Sie sind erkrankt, aber die Medizin ist nicht auf Ihren Körper abgestimmt. Die Medikamente wurden größtenteils nicht für Menschen wie Sie getestet, Ihre Symptome stehen nicht in allen Lehrbüchern, die Diagnose kommt erst spät. Keine schöne Vorstellung – doch für Millionen Frauen ist das die Realität.

März 09, 2026

Jahrzehntelang orientierte sich die medizinische Forschung fast ausschließlich am männlichen Körper. Arzneimittel wurden überwiegend an Männern getestet, Symptome nach der Ausprägung bei Männern definiert, Behandlungen auf diese Patientengruppe zugeschnitten. Erkrankungen, die vor allem Frauen betreffen, wie Endometriose oder Myome, blieben wenig erforscht. Bei Krankheiten, die zwar bei Menschen aller Geschlechter auftreten, sich aber geschlechtsspezifisch unterscheiden, wurde der Mann als Norm betrachtet, die Frau als Ausnahme.1,2

Die Konsequenzen? Bis heute werden Frauen häufig durch zu späte oder falsche Diagnosen und unpassende Behandlungen im Gesundheitssystem benachteiligt. Fachleute sprechen hier von „Gender Health Gap“, also von einer geschlechtsspezifischen Gesundheitslücke. Jedoch haben 70 Prozent der Menschen in Deutschland noch nie von diesem Phänomen gehört. Dabei handelt es sich nicht um ein Randthema. Es geht um die Hälfte der Bevölkerung, um Leben, die gerettet werden könnten. Frauengesundheit ist kein Nischenthema, sondern eine Frage der Gerechtigkeit.3,4,5

Wir erklären, warum geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin so entscheidend sind, welche konkreten Folgen der Gender Health Gap für Frauen hat und welche Änderungen für eine gerechte Medizin notwendig sind.

Geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin oder Frauengesundheit?

Wer sich mit dem Thema Frauengesundheit beschäftigt, stößt schnell auch auf die Begriffe Gendermedizin und geschlechtersensible Medizin. Diese Begriffe sind aber nicht identisch. Um sie klar voneinander abzugrenzen, sind zwei Aspekte entscheidend: das biologische Geschlecht (englisch: Sex) und das soziokulturelle Geschlecht (englisch: Gender). Beide beeinflussen, wie wir krank werden, welche Symptome wir zeigen und wie wir medizinisch versorgt werden.1

  • Sex umfasst biologische Merkmale wie Anatomie, genetische Faktoren und Hormonspiegel. Diese körperlichen Faktoren bestimmen, wie unser Körper auf Krankheiten und Medikamente reagiert.1
  • Gender beschreibt soziokulturelle Aspekte des Geschlechts. Wie identifiziere ich mich? Wie werde ich von anderen wahrgenommen? Wie stelle ich mich nach außen dar, wie verhalte ich mich? Diese gesellschaftlichen Erwartungen und Verhaltensweisen beeinflussen ebenfalls die Gesundheit. Personen, die in der Vergangenheit bereits nicht ernst genommen oder diskriminiert wurden, werden eher zögern, eine ärztliche Praxis aufzusuchen.1
  • Geschlechtersensible Medizin ist die umfassendste Bezeichnung. Sie berücksichtigt sowohl Sex als auch Gender und zielt darauf ab, alle Menschen bestmöglich medizinisch zu versorgen. Im Alltagsgebrauch hat sich der Begriff Gendermedizin etabliert, der sich allerdings streng genommen nur auf Gender bezieht und daher etwas eingeschränkter ist. Frauengesundheit hingegen fokussiert sich auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen.1

Diese genaue Abgrenzung ist wichtig, denn die einzelnen Disziplinen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Wichtig ist, dass es hier nicht allein um typische „Frauenleiden“ wie Endometriose oder die Wechseljahre geht, sondern auch um Herzinfarkte, Multiple Sklerose (MS) oder Migräne – Erkrankungen, bei denen Frauen und Männer abweichende Symptome zeigen, unterschiedlich häufig betroffen sind und verschieden auf Therapien reagieren.6

Ungleichbehandlung: Ja, bitte!

Eine Frau kommt in die Arztpraxis. Sie klagt über anhaltende Rückenschmerzen, Übelkeit und bleierne Müdigkeit. Die Diagnose lautet Stress, zu viel um die Ohren, Begleiterscheinungen der Wechseljahre. Die Realität ist ein Herzinfarkt!6 Wie konnte es zu dieser Fehldiagnose kommen? 

Männer und Frauen können unterschiedliche Symptome bei einem Herzinfarkt entwickeln: Während Männer oftmals den „klassischen“ Brustschmerz mit Ausstrahlung in den linken Arm verspüren, können sich bei Frauen mehr Begleitsymptome als bei Männern zeigen. Sie leiden häufiger an Übelkeit, Rücken- und Oberbauchschmerzen. Diese eher unspezifischen Anzeichen passen allerdings auch zu anderen Krankheitsbildern.2,6

Animation - Erkennen Sie diese Symptome GoRed VIDEO

 

Die Folgen sind in vielen Fällen dramatisch. Herzinfarkte werden bei Frauen häufig später erkannt, später behandelt – und enden vermehrt tödlich. Studien zeigten, dass Frauen ein um 30 Prozent höheres Risiko als Männer haben, einige Wochen nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus zu versterben. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten oft als typisch männliche Erkrankung, dabei sind sie auch für 37 Prozent aller Todesfälle bei Frauen verantwortlich.2,6

Bei Multipler Sklerose (MS) macht das biologische Geschlecht ebenfalls einen deutlichen Unterschied. Frauen erkranken dreimal häufiger als Männer, zudem verläuft die Erkrankung bei ihnen oftmals anders. Phasen hormoneller Umstellung wie Schwangerschaft, Geburt oder Wechseljahre können den Krankheitsverlauf beeinflussen. Hier zeigt sich, wie wichtig geschlechtersensible Medizin ist: Therapien müssen flexibel angepasst werden, um Menschen mit MS in allen Lebensphasen optimal zu unterstützen.6

Auch Migräne betrifft mehr Frauen als Männer. Zusätzlich wirkt sie sich bei ihnen oftmals schwerwiegender aus. Der Grund liegt vermutlich in den Hormonen, insbesondere der Östrogenabfall vor der Menstruation gilt als Auslöser. Trotzdem werden die heftigen Attacken bei Frauen häufig bagatellisiert. Aussagen wie „Trink mehr Wasser“ oder „Das ist nur Stress“ hören weibliche Betroffene immer wieder.6 

Alle drei Beispiele verdeutlichen, weswegen wir geschlechtersensible Medizin brauchen. In der Medizin ist Ungleichbehandlung sinnvoll. Denn nur indem biologische und soziale Unterschiede berücksichtigt werden, kann jeder Mensch die optimale Therapie erhalten.1,6 

Was sich ändern muss – und was bereits passiert

Das Bewusstsein für Frauengesundheit und Gendermedizin wächst, doch der Weg zu einer Medizin, die geschlechtsspezifische Unterschiede in allen Bereichen berücksichtigt, ist noch weit. Die gute Nachricht: Es bewegt sich schon viel – in Politik, Ausbildung und Gesellschaft.

Politik: Frauengesundheit wird Priorität

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat Frauengesundheit zum Schwerpunkt ihrer Amtszeit erklärt. „Das ist kein Nischenthema, es betrifft die Hälfte der Bevölkerung“, begründete sie ihre Entscheidung im Bundestag. Geplant sind bis zu 12 Millionen Euro Förderung über mehrere Jahre, die auch für den Ausbau der Datenbasis zu Frauengesundheit am Robert Koch-Institut genutzt werden sollen. Außerdem hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär zum 1. November 2025 ein eigenes Referat Frauengesundheit im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt eingerichtet, um die geschlechtersensible Perspektive in Wissenschaft und Forschung zu stärken.4,7 

Ausbildung: Gendermedizin wird im Studium verpflichtend

Jahrzehntelang spielte geschlechtersensible Medizin in der ärztlichen Lehre kaum eine Rolle, dies soll sich ändern. Mit der neuen Approbationsordnung soll Gendermedizin verpflichtend im Medizinstudium verankert werden. Zukünftige Ärzt*innen lernen so bereits in ihrer Ausbildung, wie biologisches und soziokulturelles Geschlecht Diagnose und Therapie beeinflussen können.8,9

Gesellschaft: Bewusstsein schafft Veränderung

Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland hat zwar noch nie von dem Begriff „Gender Health Gap“ gehört, aber viele Menschen wissen inzwischen, dass das Geschlecht bei medizinischen Behandlungen eine entscheidende Rolle spielen kann. Aufklärung ist der erste Schritt hin zu einer gleichberechtigten medizinischen Versorgung – für Betroffene, Angehörige und alle, die im Gesundheitssystem arbeiten.3

Eine Frau in einem OP-Hemd blickt zu einer anderen Frau in einem weißen Kittel, die ein medizinisches Gerät in der Hand hält.
Das Ziel: Gerechte Medizin für alle Menschen

Novartis setzt sich für geschlechtersensible Medizin ein

Als forschendes Pharmaunternehmen sehen wir unsere Verantwortung darin, zu einer gerechteren medizinischen Versorgung beizutragen. Deshalb klären wir auf: In unseren Broschüren der Reihe „Gendermedizin - Ist da was dran?“ teilen wir die neuesten Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis und sorgen so für mehr Bewusstsein. 

Wir wollen geschlechtsspezifische Unterschiede in unseren Forschungsprojekten berücksichtigen – beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Multipler Sklerose und Migräne. Nur wenn wir verstehen, wie Krankheiten Frauen und Männer unterschiedlich betreffen, können wir wirksame und verträgliche Therapien für alle entwickeln. 

Zu unseren Forschungsschwerpunkten gehören auch Erkrankungen, die überwiegend Frauen betreffen wie beispielsweise Brustkrebs. Hier können wir auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen. Was viele nicht wissen: Auch Männer können an Brustkrebs erkranken. Deshalb haben wir in unsere letzte Studie nicht nur Frauen aufgenommen. 

Frauengesundheit ist für uns kein kurzfristiger Trend, sondern ein langfristiges Commitment. Denn Frauengesundheit geht uns alle an. Wir wollen nicht nur Teil der Lösung sein, sondern vorangehen. In den letzten Jahren ist bereits einiges in Bewegung gekommen. Wir möchten diesen Weg gemeinsam mit unseren Partnern weitergehen, um die Gesundheitsversorgung für alle Menschen zu verbessern.

Quellen

  1. Bundesstiftung Gleichstellung. Geschlechtersensible Medizin. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/ (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  2. Robert Koch-Institut. Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland – wichtige Fakten auf einen Blick. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/user_upload/RKI_Gesundheitliche_Lage_der_Frauen_in_Deutschland_Screen.pdf (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  3. Deutsches Ärzteblatt. „Gender Health Gap“: Viele Deutsche ahnungslos. https://www.aerzteblatt.de/news/gender-health-gap-viele-deutsche-ahnungslos-165baf9f-9159-49f9-8b7e-939af737804a (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  4. Bundesministerium für Gesundheit. Warken: „Wenn wir unser Solidarsystem grundsätzlich erhalten wollen, dann müssen wir es grundlegend verändern.“ https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/reden/rede/warken-rede-bt-haushalt-2026.html (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  5. Kaczmarczyk G. Das Geschlecht macht den Unterschied. https://www.aerztinnenbund.de/downloads/3/FR.Gendermedizin.pdf (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  6. Novartis. Gendermedizin, ist da etwas dran? https://www.novartis.com/de-de/sites/novartis_de/files/Broschuere_Gendermedizin_2025.pdf (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  7. Springer Pflege. Frauengesundheit wird eigenes Ressort im BMFTR. https://www.springerpflege.de/genderforschung/geschlechtersensible-medizin/51634308 (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  8. Universität zu Köln. Kein Frauengedöns, sondern harte Fakten. https://uni-koeln.de/universitaet/aktuell/koelner-universitaetsmagazin/unimag-einzelansicht/kein-frauengedoens-sondern-harte-fakten (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).
  9. Göring C. Geschlechtersensible Medizin (GSM+) soll ins Curriculum des Medizinstudiums. https://www.journalmed.de/news/medizin/geschlechtersensible-medizin-medizinstudium (zuletzt aufgerufen am 13.01.2026).